Natron – Zersetzung oder Entfaltung? 

Krieg oder Frieden?

Text  Dr. Heike Plaß

2017 war das Jahr der documenta in Kassel, das Jahr des Freiluftevents der Skulptur Projekte in Münster sowie das Jahr zahlreicher Ausstellungen rund um das alles vereinnahmende Thema „500 Jahre Reformation“. Viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler haben ihre Werke präsentiert - und sich selbst.

Münster zeigte Gegenwartskunst mit zeitgenössischen, nicht stets offensichtlichen Themen, welche die Besucherinnen und Besucher lockten und ihnen präsentiert wurden ohne zu polemisieren oder zu politisieren. „In Münster steht die Kunst nicht unter Druck. Sie darf auch mal hoffnungslos selbstverliebt sein, einfach nur ein schönes Familienprogramm oder auf sinnfreie Weise tolldreist.“ 1 

So hieß es in einer der Kritiken zu der Schau.

Die documenta 14 in Kassel und in Athen hatte eine andere Ausrichtung. Zur künstlerischen Sprache kamen Themen wie die norwegische Unterdrückung der Samen – und ihrer Kunst, der wirtschaftliche wie gesellschaftliche Wandel Chinas filmisch präsentiert am „allmählichen Niedergang des Shenyanger Industriebezirks Tiexi“ oder die Haltung Israels gegenüber Palästina. 

Materialien wie Kiefernholz, Rentierhörner, Messing, gegerbte Felle, die Stoßzähne von Walrossen, Wurzeln, Knollen, Silber, Elfenbein und Seile“ 3  fanden Verwendung und wurden zu Kunst. Doch ist das Kunst oder eher eine Ausstellung diverser – völkerkundlicher – Exponate? Kunst hat eigentlich andere Ansprüche. Die documenta 14 trat auf als eine Schau der Kritik. Kunst mutierte zum Mittel der Kritik – an Unterdrückung, Ausbeutung, Krieg, Kapitalismus, Kolonialismus und überhaupt an allem Unrecht. Sie ließ sich vereinnahmen ohne weitere eigene Botschaften zu vermitteln. In einer solchen Vereinnahmung läuft Kunst Gefahr, sich selbst als eigenständige Disziplin abzuschaffen. Es fragt sich, ob in einer solchen Schau tatsächlich noch die Kunst selbst im Mittelpunkt steht? Auf den ersten Blick – und manchmal auch auf den zweiten - ging es in Kassel eher um Effekte und Ethik als um Stil und Ästhetik. Dabei müssen Ästhetik und Ethik einander nicht ausschließen, die eine darf die andere allerdings nicht ersetzen. Dann ist Kunst nämlich entweder nur schön und damit bald langweilig oder sie moralisiert und sucht zu bekehren. Und das zerstört sie letztlich, bevormundet die Betrachtenden und engt die Kunstschaffenden ein. Kunst wird dann zu einem Instrument.

Dass es auch anders machbar ist, dass eine Kombination aus beidem möglich ist, zeigt Anne Deifuß in ihrem Werk. Wenn eine ganze Ausstellung dazu dient, das Schlechte in der Welt aufzuzeigen, werden die einzelnen Exponate der Schau zu Werkzeugen. Deifuß stellt das einzelne Werk in den Mittelpunkt, widmet sich ebenfalls dem weiten Themenfeld einer globalen Misere und setzt sich damit auseinander. Doch sie zeigt Wege und wirft Fragen in und mit ihrer Kunst auf.  Ihre Werke tragen Titel wie „Die Närrin“, „Die kleine Närrin“ oder „Orgelpfeifen strammgestanden“.  In dieser zuletzt genannten Arbeit befinden sich Gewehre im Anschlag, doch sie verweigern den Kampf. Sie stehen damit für den Frieden ein, vertreten pazifistisches Gedankengut.

Es handelt sich fraglos um ein ernstes Thema, doch in Deifuß´ Arbeiten spiegeln sich Hoffnung und Zuversicht wieder, und zwar darauf, das Leben trotz aller Widrigkeiten nicht nur von der dunklen Seite her zu sehen, sondern auch die helle zu erkennen und für sich zu entdecken.  Sie befasst sich mit dem Thema Frieden und stellt Fragen: Wie lebe ich den Glauben? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Wie mit meiner Umwelt? Wie kann ich verantwortungsvoll leben? Und wie gehe ich mit Scheinheiligkeit um?  Es sind existenzielle Fragen, die Deifuß aufwirft und damit keine leichte Kost. Mit ihrer Darstellung bezieht die Künstlerin gewissermaßen Position zu Wert und Bedeutung eines Friedensbegriffs und positioniert sich damit ebenso zum Thema Krieg und Unfrieden.  
   In ihrer Geschichte hat die Kunst sich seit Jahrhunderten mit dem Thema Krieg und Frieden im weitesten Sinn auseinandergesetzt. Spezielle Historien-  und Kriegsmaler hatten den Auftrag, Kriegsszenen zu malen, zu dokumentieren. In traditioneller Malweise zeigte sich der Krieg oft als ein riesiges Spektakel mit all seinen Gewinnern und Verlierern. Schlachtszenen sind ein verbreitetes Genre in der Kunst – als Heroisierung und Verherrlichung des Krieges und als Antidarstellung zur Abschreckung. Je nachdem ob die Gewinner oder Verlierer, die Täter oder die Opfer in den Fokus des künstlerischen Blicks rückten. Kriegsbild oder Antikriegs- und damit Friedensbild lautet die jeweilige Kernbotschaft. Letztere, die Friedensmotive, die Friedensbilder sind immer wieder und stets aufs Neue hochaktuell. Doch wann ist das Thema Frieden nicht aktuell? Zu nennen sind Schlüsselwerke wie Goyas „Desastres de la Guerra“ oder Picassos „Guernica“. Letztere ist eine Art Apokalypse der Moderne, die all ihre Grausamkeiten unter Beweis stellt, sowie eine künstlerische Anklage.  Kunst hat besonders an dieser Stelle eine ihr eigene Sprache. Sie ist imstande zu vermitteln, anzuklagen, zu richten, wo Worte wirkungslos sind, nicht greifen und auch oft verfehlt sind. Bilder und ebenso Skulpturen reden oftmals deutlicher, lauter, gehen tiefer und sprechen zudem Gefühl und Verstand an. Sie können somit eine offene Klage und Anklage darstellen und damit parteiisch sein, ohne politische oder gar militärische Zwecke zu verfolgen.  Kunst vermag für Frieden einzustehen, und zwar nicht um ihrer selbst willen, also um „hübsch“ zu sein, sondern im wörtlichen Sinn als „bildende“ Kunst. 1996 entstand gar der Begriff einer Kultur des Friedens, von der UNESCO geprägt als Mittel der Konfliktprävention und der Deeskalation. In der 1999 von der UNESCO verabschiedeten Erklärung über eine Kultur des Friedens heißt es, "daß, da Kriege im Geiste des Menschen entstehen, auch die Verteidigung des Friedens im Geiste des Menschen ihren Anfang nehmen muß. […] Unter einer Kultur des Friedens ist die Gesamtheit der Wertvorstellungen, Einstellungen, Traditionen, Verhaltens- und Lebensweisen zu verstehen.“ 4  in diesem allumfassenden Bild definiert sich der hohe Anspruch, der erfüllt werden muss, um das Thema Frieden ernst zu nehmen. Frieden beinhaltet und bedeutet eben mehr als die Abwesenheit von Krieg.

Kommen wir zurück zu Anne Deifuß: Eines ihrer herausragenden Werke trägt einen Titel, der bereits auf den Inhalt verweist: „Die gekreuzigte Jungfrau verweigert die Kreuzigung“. Die dargestellte Figur ist nicht gekreuzigt, sondern gefesselt, verweigert mit geballter Faust die Kreuzigung, setzt sich zur Wehr.  Um die Figur der gekreuzigten Jungfrau rankt sich die Legende der besonders in Südtirol verehrten Heiligen Kümmernis, auch Heilige Kumerana, Liberta oder Hilgefortis bzw. Wilgefortis (nach Virgo fortis – tapfere Jungfrau) genannt.  Sie ist die Tochter eines portugiesischen oder sizilianischen Königs, die um 130 zum Christentum übertritt. Der Vater will seine Tochter standesgemäß, allerdings an einen nichtchristlichen Mann verheiraten. Doch der Tochter ist es wichtig ihrem Glauben treu zu bleiben. Sie verweigert folglich die Ehe und wird daraufhin von ihrem Vater eingekerkert und gemartert. Sie bittet Gott in ihrer Not um Gnade, wie Christus zu werden und ihr dazu statt ihrer Schönheit ein abstoßendes Äußeres zu geben, damit kein Mann an ihr Gefallen fände. Der jungen Frau wächst über Nacht ein Bart. Der erboste Vater straft seine Tochter, indem er sie - wie Christus - ans Kreuz schlagen lässt mit den Worten, sie möge nun ihrem himmlischen Bräutigam nahe sein. Ihr Sterben dauert drei Tage, in denen sie wundersamer Weise in der Lage ist Predigten zu halten. Dabei gelingt es ihr neben vielen Menschen auch ihren Vater zum christlichen Glauben zu bekehren. Dieser erkennt seine Schuld und lässt eine Sühnekirche mit dem Bildnis seiner Tochter darin errichten. 5

Das Motiv der Gekreuzigten Jungfrau ist in der Kunst vielfach aufgegriffen u.a. um 1510 von Jheronimus Bosch oder in einem Holzschnitt aus in etwa derselben Zeit von dem Nürnberger Maler und Grafiker Hans Springinklee. Die Legende „Die heilige Frau Kummerniß“ ist zudem 1815 in der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm und später in den Deutschen Sagen der Brüder unter dem Titel „Die Jungfrau mit dem Bart“ erschienen.  Der Tag der Verehrung dieser Heiligen ist auf den 20. Juli gelegt und seit etwa 1400 nachweisbar. Der Kult fand eine weite Verbreitung, besonders in der Zeit des Barock. In Nordwestdeutschland endete die Verehrung im 20. Jahrhundert und findet sich heute nur noch an manchen Orten Bayerns, Österreichs sowie Schlesiens.  Deifuß´ gekreuzigte Jungfrau hingegen ist nicht gekreuzigt, sondern gefesselt. Sie mag sich noch in dem Vorstadium der Kreuzigung befinden, eingekerkert und gemartert wie die legendäre Jungfrau von ihrem Vater. Doch in diesem Werk wehrt sich die Jungfrau körperlich. Sie zeigt die zur Faust geballte Hand, eine Gebärde der Drohung und Verteidigung zugleich.  Frieden bedingt Versöhnung und Vergleich, aber auch Unterwerfung. Davon ist bei der „Gekreuzigten Jungfrau“, die in Ketten liegt, nicht viel zu finden. Sie bietet die Faust statt des Handschlags. Ist sie nicht zur Versöhnung bereit? Erwartet sie die Loslösung von den Ketten und alsdann folgt die Geste des Friedens? Oder ist es eine Darstellung des Friedens als Utopie? Wir wissen es nicht, können uns in eigenen Gedanken und Vorstellungen ergehen.  
   Anne Deifuß nutzt Bücher und damit das in ihnen gesammelte Wissen als kostbares Material, um ihrer Kunst Gestalt und Inhalt zugleich zu geben. Zu dieser Idee sagt Deifuß selbst:

Durch eine Flut von Büchern, die der Altpapierverwertung zugeführt werden sollten, entwickelte sich in meinem Kopf die Idee, dass dieses kostbare Material mit dem niedergeschriebenen Wissen der Menschheit nicht einfach dem Reißwolf zum Opfer fallen durfte. Bücher enthalten Geschichten der Liebe, Geschichten des Glaubens, Geschichten über die Sehnsucht der Menschen nach Frieden, Dokumentationen über Kriege mit ihren fürchterlichen Auswirkungen, Dokumentationen über die Versuche von Menschen unsere Existenz zu entschlüsseln, zudem die Gedanken der großen Philosophen, Witziges sowie Trauriges. Bücher enthalten also die gesamte Bandbreite dessen, was die Menschheit ausmacht.“

Ich trennte die Buchdeckel von den Büchern und begann damit zu arbeiten. In diesen Arbeitsprozessen entwickelte ich Rezepturen wie Farbzusammensetzungen und Tinkturen, mit denen ich die Buchdeckel formbar machte und zu Skulpturen und Reliefbildern zusammensetzte. Im Endergebnis sehen die Skulpturen und Reliefbilder wie aus Eisen und Leder gefertigt aus. Die Inhalte der Bücher verbergen sich teilweise im Inneren der Skulpturen.  Dieser Technik habe ich den Namen „Spine – Cover – Painting“ 6  gegeben und das daraus entstandene und noch weiter entstehende Kunstprojekt trägt den Titel '' NATRON ''  In weiteren Arbeitsprozessen entsteht jetzt die Kathedrale der Denker, in der nun auch die kompletten Inhalte der Bücher für die Kunst konserviert werden, wie z.B. die Konservierung von Dantes göttlicher Komödie.  Der Inhalt der Bücher wird aufgerollt und zur Skulptur oder zum Objekt, wobei die einzelnen Elemente in weiteren Schritten zu einem Ganzen zusammensetzt werden.“  Deifuß hat damit eine völlig neue Technik geschaffen und zudem eine Art der Verwertung von Büchern, von gesammeltem Wissen. Ihre so entstandenen und noch zu schaffenden Skulpturen besitzen damit allein von der Technik her gesehen den Anspruch auf Einzigartigkeit.  Aus alter, bekannter, also aus jedweder literarischer Komposition entsteht so etwas ganz Neues. Werden so Deifuß´ Skulpturen zu einer Art Gnadenhof für Bücher? Es mag so erscheinen. Doch dahinter verbirgt sich zugleich der Gedanke, inwieweit Vergangenes in die Gegenwart übertragen werden kann. Ist der Mensch fähig aus der Geschichte zu lernen? Eine ernst zu nehmende Frage, die nicht mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten ist. Ein Rückblick in die Geschichte, allein in die des 20. Jahrhunderts genügt, um Zweifel an einer rein positiven Antwort aufkommen zu lassen. Warum ist dem Frieden in der Historie nie ein dauerhafter Erfolg beschieden? Eine weitere Kernfrage. Wir leben derzeit in einer der längsten Friedensepochen der Geschichte Europas - 73 Jahre von 1945 bis 2018.  Vieles wiederholt sich und befindet sich dabei doch in einem steten Wandel. Ist dies ein Widerspruch? Nein, es sollte eher eine Weiterentwicklung sein.  Eben zu diesem Zweck, unter diesem Aspekt sammelt Deifuß Bücher zur Umsetzung ihrer Kunst. Das in den Büchern angesammelte Wissen wird in Buchstaben unsichtbar, in einer anderen Form jedoch sichtbar. Das Sehen und damit das Erkennen ist dabei vordergründig. Ihre so entstandenen Skulpturen scheinen beinah aus einer spirituellen Versenkung mit mystischen Anklängen zu kommen.  Die gekreuzigte Jungfrau ist blicklos, sie sieht wenn, dann in sich hinein. Befindet sie sich in einer Dunkelheit? Dunkelheit ist für uns vergleichbar mit der Stille – zwei wichtige Sinne können sich nicht entfalten. Dunkelheit verunsichert, verängstigt uns gar. Doch die wichtigste Wahrnehmung von Kunst ist das Sehen. Gibt die blicklose Gefesselte etwas von Ihrer Angst an die Betrachtenden ab?

Eine weitere hier zu erwähnende Arbeit Deifuß´ führt die Betrachter an die Grenze des Absurden, der Groteske. „Lachhaft“ hat die Künstlerin ihre Figurengruppe genannt, eine Gruppe, die aus einem sitzenden Pferd und einer vor diesem beinah hingestreckten Figur besteht. Das Pferd wiehert aus vollem Hals. Das Wiehern wird im übertragenen Wortsinn zum Lachen, zum Lachen über das Narrenhafte im Menschen, der Kriege und Unfrieden verursacht – trotz besseren Wissens. Stellvertretend dafür hat Deifuß die Figur der Närrin geschaffen, die wegsieht, sich abwendet – vom besseren Wissen. Das Pferd sitzt breitbeinig auf einem Sockel auf aufeinander gestapelten Büchern – auf dem sprichwörtlichen besseren Wissen. Dieses sollte eigentlich den Unsinn von Kriegen vor Augen führen. Eigentlich, denn Kriegführung hat nichts Logisches oder Nachvollziehbares an sich, beruht auf reinem Machtgebaren und dem Versuch der Durchsetzung eigener Interessen mit Gewalt.  Dabei müssen nicht ausschließlich die großen Schlachtengetümmel aus Geschichte und Gegenwart gemeint sein. Feindseligkeit und kleinere wie größere Scharmützel, Zwist, Hader und Streit erzielen letztlich kein Ergebnis. Die Figurengruppe „Lachhaft“ führt jegliches kriegerisches Gebaren ad absurdum.

Das gesamte Projekt von Anne Deifuß trägt den zunächst verwirrenden Titel „Natron“. Der erste Gedanke: Ist es eine Abkürzung oder handelt es sich um das Allround-Mittel, welches in kaum einem Küchen- oder Medizinschrank fehlt? Anne Deifuß klärt auf: „Natron wirkt zerstörend und/oder auflösend. Je nach Konzentration ist es heilsam oder zersetzend, wie die Worte, wie unser Handeln, wie unsere Taten.“ Also hat der Titel metaphorischen Charakter.  „´natron` zielt darauf ab, den Betrachter durch eine Erinnerungssuche zu führen und die Wahrnehmung unserer heutigen Zeit zu verändern.“ 7

Die Chemikalie Natron hat neben vielen anderen Zwecken noch einen weiteren: es dient überdies zum Mumifizieren. Bei Anne Deifuß werden gleichsam Worte mumifiziert, Worte, die zwischen den Buchdeckeln stecken, die Deifuß in ihrer Kunst einsetzt.  Andere Künstlerinnen und Künstler falten aus kompletten Büchern und ihren Seiten Kunstwerke, verfremden quasi das Äußere des Buches, welches als solches bestehen bleibt. Deifuß hingegen nutzt die äußere Hülle von Büchern, die Deckel, um etwas komplett Neues zu schaffen und dabei trotzdem die Worte dazwischen, die Inhalte, die Erkenntnisse, das gesammelte Wissen in übertragener Form zu bewahren, sie also gewissermaßen zu mumifizieren.  
   Das Projekt Natron ist ein Mittel gegen das Sodbrennen unserer Gesellschaft. Es regt zudem zum Nachdenken an und birgt gleichzeitig Zerstörung in sich, nämlich zunächst einmal die Zerstörung von Büchern. Doch Neues entsteht, etwas Konstruktives und Sinnhaftes.  „Phönix aus der Asche“ oder der liturgische Vers „Asche zu Asche, Staub zu Staub“ mögen manchem dabei in den Sinn kommen.  Zerstörung als Rettung - Bücher, die dem Untergang geweiht sind, werden vor diesem bewahrt. Die Buchdeckel nehmen als Außensicht des Kunstwerks, die Seiten, die Worte, innen im Werk, quasi werkimmanent, eine andere Nutzung und Bedeutung an. Es geht um das Entdecken von dem Verlorengehenden, dem Untergang Geweihten, von dem Verborgenem und um das Neuentdecken, das Sich-Neu-Erschließen. Hierin liegt die Aufgabe des Betrachtenden, des Rezipienten.  Und hier kommen die Betrachter und Betrachterinnen von Kunst ins Spiel. Denn sie sind ein weiterer Mittelpunkt. In ihren Augen kann Kunst sich wandeln. Der französische Maler und Konzeptkünstler Marcel Duchamp definierte dies als einen kreativen Akt und konstatierte vor nunmehr 61 Jahren: „Alles in allem wird der kreative Akt nicht vom Künstler allein vollzogen; der Zuschauer bringt das Werk in Kontakt mit der äußeren Welt, indem er dessen innere Qualifikation entziffert und interpretiert und damit seinen Beitrag zum kreativen Akt hinzufügt.“ 
8  Duchamps definierte zwei Beziehungsebenen, und zwar die zwischen Künstler/in und Betrachtenden sowie die zwischen der Absicht bei der Entstehung eines Kunstwerkes und dessen tatsächlicher Umsetzung. So entstehe eine Art der „Interaktion“, ein Austausch und Wechselverhältnis zwischen den voneinander unabhängigen Produzenten und den Rezipienten. Zusammengefasst bedeutete dies, der Inhalt eines Werkes wird vom Künstler vorgegeben, die Rezipienten bringen mit dem und durch das Kunstwerk einen Prozess in Bewegung. Erst so wird Kunst existenziell und lebendig. Sie wirkt gleichsam als Animateurin und schafft Raum für Augenblicke.  Anne Deifuß ist diese Interaktion gelungen. Sie findet gewissermaßen bereits in ihren Werken statt und führt Austausch und Wechselwirkung den Betrachterinnen und Betrachtern vor Augen, stellt Fragen und lässt eine Vielfalt eigener Gedanken und Ideen zu. So sollte Kunst sein – existentiell, lebendig, offen für mündige und selbst denkende Menschen.


   Dr. Heike Plaß


1 http://www.zeit.de/2017/25/documenta-kassel-kunst-kapitalismus kritik/seite-3

2 http://www.documenta14.de/de/artists/7364/wang-bing (Stand   02.01.2018) 

3 http://www.documenta14.de/de/notes-and-works/24077/iver-jaaks-1932-2007- (Stand   02.01.2018)

4 http://www.unesco.de/infothek/dokumente/un-dokumente/kultur-des-friedens.html (Stand   14.01.2018)

Vgl. Keller, Hiltgard: Reclams   Lexikon der Heiligen und biblischen Gestalten. Legende und Darstellung in der   Bildenden Kunst. Stuttgart 92001. S. 368 f.

6 Übersetzt bedeutet der Name   für Deifuß´ Technik so viel wie „(Buch-) Rücken – (Buch-) Deckel – Gemälde“

7 https://www.natron-natron.com/ (Stand   07.01.2018)

8 Marcel   Duchamp: Der kreative Akt. Als Vortrag gehalten vor der Convention of   the American Federation of Arts. Houston (Texas) April 1957.




 



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